MEDIEN: SIND WIR WORTMESSIES?

Eine Konsumkritik über Buchstabensuppe, Sparflammen und Überproduktionen: Warum der Mensch schreibt, um nicht zu sterben und wie darunter die mediale Glaubwürdigkeit leidet…

Medien allgemein gelten heute als manipulativ, unehrlich, werbelastig und sind immer mehr getrieben von einer neuen Währung: likes und klicks. Der ursprünglich so anerkannte Beruf des Journalisten gerät zunehmend in Verruf. Wie es dazu kommt, liegt im Auge des Verachters.

Überall wird gespart

Wer davon ausgeht, dass man von Luft und Liebe leben kann hat vielleicht eine ehrenwerte Weltsicht, jedoch das System missverstanden. Auch Journalisten, Meinungsbildner, Blogger und sonstige Content Creator müssen Miete zahlen, essen und trinken wie jeder andere auch und hin und wieder geht auch bei dieser Menschengruppe eine Waschmaschine kaputt. Wieso gehen Leute davon aus, dass man Worte, Ansichten, Wissen oder hübsche Gesichter umsonst zu Verfügung stellen kann?

Im Zuge der Digitalisierung haben wir uns daran gewöhnt, dass alles frei zugänglich ist. Die neusten Kinofilme sind abrufbar, Fotos von der ganzen Welt schwirren umher und Rechercheinhalte werden schon in den Schulen und Universitäten aus dem Internet gezogen, um sich den mühsamen Weg in die Bibliotheken zu ersparen. Überall wird gespart und der Mensch ist dazu angehalten mit dem geringst möglichen Aufwand das größtmögliche Ergebnis zu erzielen. Lobenswert, wenn es gelingt. Doch zum Leidwesen derer, an denen gespart wird.

Konsumenten beklagen finanzierte Inhalte und empfinden sie als unauthentisch.

Gespart wird an Experten, kompetenten Meinungen und aufwändiger Recherche. Inhalte werden abgeschrieben oder verdreht, falsch verstanden oder sogar verfälscht. Je reißerischer die Nachricht, desto größer die Aufmerksamkeit. In der Hoffnung auf likes und klicks werden alle erdenklichen Register gezogen, denn wer mit seinen Inhalten viele Interaktionen erreicht, darf mit Werbeplatzierungen rechnen. Ein Teufelskreis, denn Anzeigen sind nicht der Grund, weshalb geliked und geklickt wird. Im Gegenteil. Die Konsumenten beklagen finanzierte Inhalte und empfinden sie als unauthentisch.

Doch woher soll das Geld zum Leben kommen, wenn Printmedien kaum noch gekauft und Online Artikel nur umsonst gelesen werden? Natürlich von Werbeanzeigen, denn ein Magazin (egal ob gedruckt oder webbasiert) lebt immer von seinen Anzeigenkunden. Das ist übrigens keine Neuheit, sondern war schon immer so. Der Unterschied ist nur, dass die Werbebudgets nicht mehr so üppig ausfallen wie früher. Statt sich zwischen vielen anderen Werbeanzeigen in einem renommierten Magazin zu positionieren, buchen Marken heute viel häufiger Onlinekooperationen mit reichweitestarken Persönlichkeiten. Verständlich, aus Sicht der Werbetreibenden, denn die Preise sind niedriger, das Ergebnis ist persönlicher, individueller und endet nicht als Altpapierstapel an irgendeinem Recyclinghof.

Ich selbst habe noch nie für einen Online Beitrag Geld bezahlt.

Den Journalisten werden also die Stellen gekürzt und die Verlage leiden am Desinteresse und der Schnelllebigkeit ihrer Leser. Aus altbewährten und vertrauenswürdigen Informationsquellen längst vergangener Zeiten sind Unternehmen geworden, die um ihr Überleben kämpfen. Geblendet von leuchtend roten Zahlen und umgeben von zitternden Arbeitnehmern, die um ihre Jobs bangen, drohen die großen Verlagshäuser zu zerfallen. Wie ein Kartenhaus, das vom Wind und Wirbel der Digitalisierung weggefegt wird. Es steht außer Frage, dass sie sich und ihr System überdenken und neu erfinden müssen, scheitern jedoch an dem Versuch.

Wie oft passiert es, dass man neugierig einen Artikel via Facebook anklickt und nach dem ersten Absatz einen Zahlvorgang einleitet, um weiter lesen zu können? Genau: Ziemlich selten oder nie. Ich selbst habe noch nie für einen Online Beitrag Geld bezahlt. Und das OBWOHL ich selber davon abhängig bin, dass der Journalismus vor allem im Internet weiter lebt.

Der Mensch produziert und produziert und vergisst dabei zu nutzen, was er schon hat.

Doch dort wo Altes stirbt, entsteht der Nährboden für Neues. Nur wissen wir nicht was, schließlich wird jeden Tag vergeblich versucht das Rad neu zu erfinden. Auch der Konsument, der Leser, ist in den Zeiten des Umbruchs verwirrt. Wir erleben die Veränderung als beängstigend, schließlich gibt es mittlerweile so viele „Meinungsbildner“ da draußen, dass man sich vor lauter Informationsflut kaum noch an Land retten kann. Wohin der reißende Medialeinfluss führt, kann man nur ahnen. Doch ziemlich sicher wird er nicht versiegen, denn in der Menschheitsgeschichte wurde seit je her alles (un)mögliche aufgeschrieben. Wir schreiben, um nicht zu sterben. Von Höhlenmalereien, über Hieroglyphen bis hin zur Weltliteratur und Geschichtsbüchern – die Schrift konserviert Momente.

Oder sollte der Fluss aus Buchstabensuppe besser versiegen? Haben wir nicht schon unendlich viel Wissen aufgeschrieben und könnten wir nicht anfangen auszusieben was es schon gibt, anstatt immer mehr anzuhäufen? Sind wir Wortmessies? Ist es Zeit aufzuräumen und sollten wir nicht erstmal das konsumieren was uns zur Verfügung steht? Egal wohin man schaut: Der Mensch produziert und produziert und vergisst dabei zu nutzen, was er schon hat. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, was alles neu auf dem Markt ist, welche Erfindungen hinzukommen, was wir alles entdecken und welche Trends unsere Garderobe verändern, könnte der Mensch seinen Wissensdurst auch stillen, indem das bestehende Informationsmaterial gesichtet, sortiert und verinnerlicht wird.

Wer nach der Wahrheit sucht findet am Ende sich selbst.

Wie viel können wir uns von den täglichen Informationen überhaupt merken? Haben wir wirklich verstanden und etwas gelernt, wenn wir beispielsweise einer Dokumentation gesehen haben? Könnten wir darüber eine zusammenfassende Präsentation halten und unser Wissen mit anderen teilen? Eher selten, oder? Ich frage mich, was und wem nützen all die Forschung und die Entdeckungen, wenn sie in unserer kurzen Aufmerksamkeitsspanne untergehen? Dank Google ist das geballte Wissen zuverlässig abrufbar, man weiß alles überall. Und doch nichts. Denn jetzt ist die Frage natürlich: Was davon stimmt überhaupt?

Die Sache mit der Manipulation ist auf allen Ebenen präsent. Ob politisch oder gesellschaftlich – Was ist heute noch glaubwürdig, fragen die einen. Alles Fakenews, Werbung, Lügenpresse und bezahlte Lobpreisungen irrelevanter Sachgegenstände, sagen die anderen. Heute, wo Informationen so leicht zugänglich und doch so unüberschaubar ist, kämpfen die Medien gegeneinander, führen Konkurrenzkämpfe und greifen dabei nicht selten zu unmoralischen Mitteln. Aber war das nicht schon immer so? Früher war vielleicht doch nicht alles besser. Die Bibel, als Platz 1 Bestseller aller Zeiten, war schließlich nicht gerade ein Vorzeigeexemplar in Sachen Objektivität.

Die Subjektivität und die daraus entstehende Manipulation sind ein Kernaspekt des geschriebenen Wortes. Es ist nicht zu vermeiden, dass Menschen ihre Meinung kundtun. Es ist jedoch zu vermeiden, alles für bare Münze zu nehmen was uns vorgekaut wird.

Wer nach der Wahrheit sucht findet am Ende sich selbst. Denn wir entscheiden, was wir glauben und was nicht. Kein Verlag, kein Magazin, kein Blog, kein Buch, kein Gerede und keine Religion entscheidet für uns was richtig und was falsch ist. Sondern jeder für sich selbst. Eigenverantwortlich und reflektiert. Deshalb ist es wichtig in all der Masse von medialen Möglichkeiten uns selbst zu finden und zu verstehen wer wir sind. Nicht die erstbeste Quelle und der meistgeklickte Artikel sind wahr, sondern das, was man selber glaubt, nachdem man verschiedene Blickwinkel betrachtet hat.



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